Ein Sonntagsausflug ins ″Exposeeum″


Das etwa 500 qm Ausstellungsfläche umfassende Exposeeum auf dem Messegelände in Hannover wurde 2001 durch den gleichnamigen Verein im Nachgang zur EXPO 2000 gegründet. Es wird bis heute ehrenamtlich geführt und hat daher nur sonntags geöffnet. Für sein Ziel, „die Erinnerung an die erste und einzige Weltausstellung in Deutschland“ zu bewahren, baute der Verein eine Sammlung auf, die stetig erweitert wird.

Rundgang durch die Ausstellung
Die Ausstellung besteht aus fünf Räumen, die als Rundgang gegen den Uhrzeigersinn angelegt sind: Der Eingangsbereich verbindet Kasse, Shop, erste Ausstellungsobjekte und eine einführende Informationstafel über die Ziele des Vereins als Träger der Ausstellung. Zentrales Objekt des Raumes ist ein etwa 3 x 5 Meter großer buddhistischer Holztempel, der im Jahr 2000 vor dem thailändischen Pavillon gestanden hatte und über Umwege 2010 in das Museum gelangte.

Raum 2 ist dem Expo-Gelände, dem räumlichen Einfluss der EXPO 2000 auf Stadt und Region und einigen architektonischen Aspekten gewidmet. So wird die heutige Nutzung des Geländes dargestellt, die Beziehung der Expo zum Messegelände der Deutschen Messe AG und im Rahmen der Weltausstellung getätigte Investitionen in Stadt und Region Hannover mit Schwerpunkt Verkehr und Stadtteil Kronsberg. Auch in diesem Raum dominiert ein Großexponat, nämlich ein Holzmodell des Messegeländes. Diesem hätte eine Legende mit Verweis auf die einzelnen Gebäude durchaus nicht geschadet – allerdings ist es auch ohne durchaus eindrucksvoll. Die Informationen über den aktuellen Stand der Nachnutzung, die pragmatisch als Farbausdrucke rund m den Modelltisch angebracht sind, zeigen die Bemühung um Aktualität der Ausstellung. Bei den Wandtexten dagegen wurde eine Aktualisierung nicht vorgenommen und wäre auch nicht ohne einen deutlichen finanziellen Aufwand möglich: Daher wird hier z.B. das 2007 geschlossene Regenwaldhaus noch als eines der heute existenten Expo-Projekte vorgestellt. Auf längere Sicht wird kein Weg daran vorbeigehen, sich um eine zugleich aktualisierbare und ästhetische Lösung zu bemühen.

Raum 3 dokumentiert die Lebendigkeit und Internationalität der hannoverschen Weltausstellung. Neben einem Sammelsurium von Fotos dienen hierzu vor allem Gastgeschenke oder Darstellungen aus internationalen Pavillons, die in einigen in den Wänden eingelassenen Vitrinen und Gucklöchern präsentiert werden. Der gute ästhetische Eindruck wird jedoch dadurch getrübt, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Darstellung der Nationen und dem teils postkolonialen Blick der Deutschen ausbleibt. So erinnern die Fotos der Aborigines z. B. sehr an die Präsentation von „Wilden“ in historischen Weltausstellungen

Raum 4 versammelt Informationen zum Programm der Expo und seiner Akteure, präsentiert Exponate wie die ästhetisch sehr gelungene Auswahl der regionalen Zungen der Installation „Geschmäcker aus 1001 Ländern“ und enthält eine Vielzahl an Gastgeschenken. Im letzten, halb verdunkelten Raum können sich die Besucher den von der Expo-Verwaltung realisierten Abschlussfilm „Moment of Glory“ anschauen, der, mehr werbend als dokumentierend, die Ziele und den Verlauf der Expo sowie die Begeisterung und Aufbruchsstimmung der Beteiligten präsentieren soll.

Gestaltung, Text und Konzeption
Die Ausstellungsräume sind ansprechend in Schwarz-Gelb gehalten, wobei mal das belebende Gelb, mal das atmosphärische Schwarz als Grundfarbe gewählt wurde. Die Menge der Wandtexte ist teilweise zu groß, was jedoch durch die übersichtliche Gliederung der Tafeln nicht so stark ins Gewicht fällt. Die Objektbeschriftungen dagegen überzeugen nicht. Die Schilder in den Gucklöchern in Raum 3 sind durch die Entfernung zum Auge schwer bis gar nicht lesbar. Für die Vitrinen gilt außerdem, dass sie zu hoch angebracht sind, so dass zumindest Teile der Exponate und Texte für viele Kinder und Rollstuhlfahrer nicht einsehbar sind – schade, da die Räumlichkeiten und das Gelände ansonsten barrierefrei zugänglich sind. Oftmals fehlen Objektinformationen sogar gänzlich. Dies gilt insbesondere für Gastgeschenke und für das immer wieder auftauchende, teils ausgesprochen interessante und als Präsentationsträger genutzte Originalmobiliar. Dass es sich bei dem gelben Teppich in Raum 3 um denjenigen aus dem Büro der Expo-Generalkommissarin Birgit Breuel handelt oder dass man bei der Filmvorführung wahlweise auf Stühlen aus der Expo-Verwaltung oder aus dem jemenitischen Pavillon sitzt, würde man ohne die ergänzenden Hinweise des Personals nicht erfahren.

Das Zusammenspiel von Räumen, Texten und den in Art und Größe sehr unterschiedlichen Exponaten ist in seinen Grundzügen weitgehend gelungen und harmonisch. Allerdings hat die einst professionell gestaltete Ausstellung durch die vielen vorgenommenen Veränderungen merklich gelitten. Insbesondere die überall ergänzten Gastgeschenke, deren Bezug zum jeweiligen Thema des Raums nicht immer einleuchtet, stellt einen Bruch zur Ausgangsästhetik dar und lässt die Ausstellung schnell unübersichtlich und vollgestellt wirken. Dies gilt insbesondere für Raum 4 sowie den Eingangsbereich, der zudem ein per se für Ausstellungen ungünstiger Mehrzweckraum ist.

Eine klare Orientierung bietet auch die Konzeption nicht, da die ursprüngliche Zielrichtung, die deutsche Expo in Erinnerung zu behalten, aufgeweicht wurde. Seitdem das Exposeeum seinen Namen „Museum der EXPO 2000 Hannover“ durch den Untertitel „und anderer Weltausstellungen“ ergänzte, werden in jedem Raum auch Exponate aus anderen als der hannoverschen Weltausstellung gezeigt, teilweise ohne auf die veränderte Provenienz hinzuweisen. Räumlich getrennte Sonderausstellungen zu aktuellen Weltausstellungen oder Spezialthemen mit eigene Kontextualisierung könnten hier Abhilfe schaffen – allerdings wurde ein Raum für Wechselausstellungen in der Innenarchitektur nicht vorgesehen.

Anregung zu einer Neukonzeption
Vierzehn Jahre sind seit der Expo vergangen – eine lange Zeit. Zu lang, um bei dem Anspruch, das Lebensgefühl der Expo wieder aufleben zu lassen, stehen zu bleiben – dagegen die richtige Zeit, um Folgen und Nachwirkungen der Expo einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Die Möglichkeit, in Erinnerungen zu schwelgen, soll den Ausstellungsbesuchern nicht genommen werden, zumal so auch deutlich wird, dass die Expo von starken Stimmungen begleitet war. Allerdings nimmt sich der Verein durch seine rein affirmative, oft werbende Präsentation selbst die Chance einer spannenden und anregenden Darstellungsform. So finden die der Expo vorangegangenen und sie begleitenden Proteste nicht einmal Erwähnung. Dabei würden diese sich geradezu anbieten, die Ausstellung lebendiger, nämlich dialogischer zu gestalten: Die geäußerten Kritiken und Befürchtungen könnten als Folie für eine offene Diskussion über die EXPO 2000 und ihre Folgen dienen. Das Museum könnte sich so zu einem Diskussionsforum für städtische wirtschaftskulturelle Großprojekte weiterentwickeln.

Fazit
Trotz der geschilderten Schwächen in Konzeption und Detail ist das Exposeeum nicht nur sehr sehenswert, sondern es ist auch bemerkenswert, was der Verein mit der ehrenamtlich getragenen Ausstellung und der Sammlung geleistet hat und immer noch leistet. Zweifelsohne war die EXPO 2000 ein großes internationales Projekt Deutschlands, das in Hannover durchgeführt wurde und Stadt und Region starke Impulse verliehen hat. Das Thema und die aufgebaute Sammlung bieten durchaus Potential, das Exposeeum zu einem überregional relevanten und bundesweit einmaligen Themenmuseum auszubauen. Für eine Neukonzeption mit Schwerpunkt Stadt- und Regionalentwicklung bräuchte es jedoch nicht nur den Willen des Vereins, sich inhaltlich zu öffnen und kritischere Perspektiven zu ergänzen, sondern auch eine solide öffentliche Finanzierung.

 

[15.04.2014]

 

 

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