„Decolonize München″

Eine Ausstellung als Akteur

 

Stadtmuseum München 25.10.2013 – 23.02.2014


Wer die Ausstellung betritt steht gleich auf der angestrebten Zielgeraden: Am Eingang des langgezogenen Raums stehend schaut man in der Ferne auf ein Großbild, das die Umbenennung der Von-Trotha-Straße in Hererostraße zeigt, und rechter Hand bilden die Seitenansichten der Eingangstexte einen Fächer moderner Pastellfarben. „Bunt“ statt „weiß“ soll es zukünftig sein, wenn die durch die Ausstellung sachlich aber bestimmt vorgetragene Forderung nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem in der Stadt noch verbliebenen kolonialen Erbe umgesetzt ist. Einen ersten Schritt in diese Richtung tat die Stadt München bereits 2007, als sie die Namensänderung vornahm und damit statt dem Kolonialherren und Befehlshaber Lothar von Trotha die Herero, die damaligen Opfer von Trothas, ehrte.

 

Die Eingangstexte geben einen Überblick über die verschiedenen Aspekte der Problematik. Hierzu gehört, dass durch das Kategorisieren von Menschen auf „Forschungsreisen“ in ferne Länder bis ins 20. Jahrhundert hinein ein „Wissen“ erzeugt wurde, das sich bis heute in stereotypen Bildern über Schwarze im Allgemeinwissen wiederfindet. Dazu gehören auch aktuelle Konsumartikel, die auf die Zeit des Kolonialwarenhandels zurückgehen. Und nicht zuletzt gehören dazu auch die noch immer gängige Ehrung von Kolonialakteuren, da Städte sich oft nicht dazu durchringen, nach ihnen benannte Straßen umzubenennen. In Einzelfällen werden sogar noch neue Ehrungen initiiert, wie im Falle der 2006 für den Sklavenhändler Heinrich Carl von Schimmelmann in Hamburg errichteten Büste, die nach breiten Protesten 2008 entfernt wurde.


Die von einem Bündnis verschiedener kolonialpolitischer Initiativen und Einzelpersonen unter dem Dach des Stadtmuseums realisierte Ausstellung „Decolonize München“ besteht aus drei Bereichen — dem Abschnitt „Freedom Roads!“, der sich dem Straßen(namen)kampf widmet, dem Abschnitt „Spuren Blicke Stören“, der die Frage nach kolonialen Hinterlassenschaften in München auf einen breiteren kulturgeschichtlichen Kontext ausweitet und der fast ausschließlich französischsprachigen Kunstinstallation von Georges Adéagbos, auf die ich mangels notwendiger Sprachkenntnisse im Folgenden nicht weiter eingehe.

Freedom Roads!
Der Abschnitt „Freedom Roads!“ berichtet von fragwürdigen Straßennamen und bereits erfolgten Umbenennungen, sowohl in München, als auch bundesweit. Der Raum vereint textlich und gestalterisch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Er konfrontiert über ausgewiesene Gehwege bestehende Straßennamen mit einer Alternative, informiert über Bedingungen und Personal der Kolonialherrschaft wie Hermann von Wissmann oder Adolf Lüderitz und stellt bislang eher unbekannte, aber prägende Persönlichkeiten vor, wie den deutsch-afrikanischen Rechtswissenschaftler Anton Wilhelm Arno oder die Dichterin und Aktivistin May Ayim. Breiten Raum nimmt die Präsentation innerstädtischer Auseinandersetzungen ein: Filme und eine Diashow präsentieren die Umgangsweise mit kolonialen Spuren, vor allem Protestaktionen und Umbenennungen in München, Hamburg und Berlin. Dass immer wieder der lokale Münchner Rahmen überschritten wird macht besonders deutlich, dass es sich nicht um ein spezifisches Münchner Problem handelt, sondern um ein gesamtgesellschaftliches und dennoch jede Stadt ihren eigenen Umgang verantworten muss.

Spuren Blicke Stören
Die Ausstellung bleibt nicht beim Thema Straßen und Denkmäler stehen. Der Abschnitt „Spuren Blicke Stören“ soll kolonial geprägte kulturhistorische Hinterlassenschaften und rassistische Blicke stören und infrage stellen. So werden ein Plakat des Reichskolonialbundes von 1927 oder stereotype schwarze Figuren z.B. von musizierenden Afrikanern, die als Nippes zur (klein-)bürgerlichen Wohnkultur des 19. und 20. Jahrhunderts gehörten, in ihren Kontexten und ihrer Problematik präsentiert. Die Atmosphäre in diesem Raum ist dunkel gehalten; für die einzelnen Exponate wird stark begrenzendes Spotlicht genutzt, so dass sie als beliebige Einzelbeispiele für ein Gesamtproblem erscheinen und zu einer Entdeckungstour einladen, um den jeweiligen Hintergrund zu erhellen.


Begeistert hat mich aber vor allem die selbstkritische Thematisierung musealer Sammlungsbestände. Zum einen wird offen gefragt, wie Kolonialgeschichte als Herrschaftsgeschichte sinnvoll in Museen präsentiert werden kann, wenn die Objekte der Sammlungen fast ausschließlich die Sichtweise und Perspektive der Kolonialherren verkörpern. Immerhin sind es gerade die Museen, die nationale und kommunale Kulturgüter bewahren und mit solchen Sammlungen aber zugleich rassistische Perspektiven konservieren. Zum anderen wird darauf hingewiesen, dass viele Kolonialobjekte auf „zweifelhaften Wegen“ in die Sammlungen eingingen, es sich z.B. um Beutegut aus sog. „Forschungsreisen“ handelt. Die zentrale Vitrine im Raum mit zwei großen Holzkisten, wie sie für Verschiffungen genutzt werden, macht diese Problematik durch ihre Undurchsichtig- und Undurchdringlichkeit auf einen Blick erfahrbar. Damit stellt die Ausstellung offen die Forderung nach Provenienzforschung, wie sie bei potentiellem Raubgut jüdischer Herkunft aus der Zeit des Nationalsozialismus bereits in einigen Museen getätigt wird.

Kommunikationsraum Ausstellung
Die Ausstellung ist weder eine historische Ausstellung, noch eine Kunstschau. Sie präsentiert kein historisches Ergebnis, sondern einen Stand der Dinge in einem andauernden gesellschaftlichen Diskussionsprozess, in den sie wiederum selbst – auch durch ein breites Begleitprogramm – aktiv eingreift. Dem Bündnis, das die Ausstellung gemeinsam konzipiert hat, gelingt es, eine offene Diskussionsatmosphäre zu schaffen, indem es viele unterschiedliche Stimmen aus ihren jeweils individuellen Perspektiven sprechen lässt und sich selbst klar positioniert. Der Ausstellungsraum wird so ein Diskussionsraum ohne erhobenen Zeigefinger und bietet den Besuchern viele unaufdringliche Möglichkeiten, sich einzubringen.


Die überwiegend in mattem schwarz, weiß und braun gehaltene Grundgestaltung der Räume schafft eine angenehm klare, ruhige und – sicherlich auch Dank des Holzfußbodens – zugleich warme Atmosphäre. Die Ausstellung ist fragmentarisch aufgebaut und bietet zugleich thematisch wiederkehrende Aspekte, so dass die Informationen einzeln konsumierbar sind und sich zugleich ergänzen und vertiefen. Einziger Wermutstropfen waren einige einführende Texte, in denen es den AutorInnen nicht gelungen war, sich vom wissenschaftlichen Sprachstil zu lösen — an einer Stelle behalf man sich sogar mit einer erläuternden Fußnote zu einem genutzten Begriff. Dennoch: Der Ausstellungskonzeption und -gestaltung gelingt es durch Verzicht auf Überflüssiges und gut platzierte Angebote für Detailinformationen trotz des schwierigen Themas eine gewisse Leichtigkeit auszustrahlen und damit Lust darauf zu machen, in Einzelaspekte abzutauchen, denen die Darstellung ihre Überzeugungskraft verdankt.

Fazit: Eine sehr gelungene Ausstellung!

[26./27.10.2013]